Artikel aus der Oberbergischen Volkszeitung vom 11.08.2010

Durch den Alltag ohne Augenlicht

Blinde und Sehbehinderte tauschen sich im Verein aus – Viel läuft per Telefon

Von Birgit Kowalski

OBERBERG. Mit 150 Sachen rast der Wagen über die Teststrecke. Am Steuer sitzt der blinde Bodo Isenhardt. „Diese Testfahrt habe ich mir mal gegönnt.“ Soviel zur Frage, ob blinde Menschen auch verrückte Sachen unternehmen können.

Eine andere Frage: Kann man einem Blinden zur Begrüßung die Hand schütteln? Die blinde Theresia Marhoffer streckt Sehenden ihre Hand entgegen. Die können sie dann ergreifen. So einfach geht das. „Mit dieser kleinen Geste helfen wir Blinden den Sehenden, ihre Scheu zu überwinden. Das muss man sich nur bewusst machen“, sagt Theresia Marhoffer lächelnd. Sie ist die Vorsitzende des Oberbergischen Blinden- und Sehbehindertenvereins e.V. (OBSV). Bodo Isenhardt ist ihr Stellvertreter in der Selbsthilfeorganisation.

Den OBSV gibt es seit 1928. Die Mitglieder haben drei bis vier regelmäßige Treffen im Jahr und organisieren Ausflüge. Außerdem besprechen und regeln sie viel am Telefon. Sie unterhalten sich über ihre Augenkrankheiten und tauschen sich über ärztliche Spezialisten sowie über geeignete Kliniken und Hilfsmittel aus. Und sie geben einander Tipps, wie man als Blinder im Alltag besser zurechtkommt.

Bodo Isenhardt ist ein gefragter Ratgeber in allen Lebenslagen. Sein Motto: „Ich bin blind, aber nicht hilflos.“ Isenhardt ist gewandt im Umgang mit allen Medien.

Sein Computer ist mit der entsprechenden Software und einer speziellen Tastatur auf seine Bedürfnisse zugeschnitten. Sein multifunktionales Mobiltelefon sagt ihm die Tasten und Menü-Ebenen an. „Handy und Software kosten zusammen über 800 Euro“, merkt Isenhardt an.

Weil das die Krankenkasse nicht erstattet, verzichten die meisten Sehbehinderten auf Handys und greifen zum Festnetztelefon. So regeln sie die meisten Angelegenheiten im OBSV, denn: „Im Oberbergischen sind Sie ohne Auto nicht mobil. Und als Blinder sind Sie absolut aufgeschmissen“, sagt Isenhardt. Und nicht nur im Oberbergischen.

Barrierefreiheit, sagt Bodo Isenhardt, sei in den letzten Jahren ein großes Thema. „Das bedeutet, dass es keine Hindernisse für Rollstuhl-Fahrer gibt.“ Es bedeute aber noch lange nicht, dass etwas auch für Blinde erreichbar ist. Isenhardt: „Blinde werden doch relativ häufig vergessen.“

Der nächste gemeinsame Ausflug geht Ende des Monats zur Kokerei Hansa in Dortmund, die sich im Rahmen der „Kulturhauptstadt Ruhr 2010“ vorstellt. „Die ist für uns auch nicht barrierefrei, aber zumindest barrierearm“, sagt Isenhardt.

Hilfe bleibt für viele Blinde und Sehbehinderte wichtig. Theresia Marhoffer: „Für uns wäre es schön, wenn sich Menschen fänden, die uns ehrenamtlich helfen würden. Als Fahrer oder als Begleiter.“

www.obsv.org

Infokasten , Die Gruppe:

Der Oberbergische Blinden- und Sehbehindertenverein (OBSV e.V.) wurde am 17. November 1928 im „Lokal Becker“ in Gummersbach gegründet – als „Blindenverein für den Oberbergischen Kreis“.

Die Gründungsversammlung leitete der evangelische Gummersbacher Pfarrer und Superintendent des Kirchenkreises An der Agger, Herbert von Oettingen. 18 Gründungsmitglieder nahmen teil, Vorsitzender wurde Otto Hollweg. Sehbehinderte kamen erst in den 1990er Jahren dazu.

Heute hat der Verein 32 Mitglieder , die sich drei bis vier mal im Jahr treffen. Nächster Termin ist Dienstag, 31. August. Dann geht es nach Dortmund in die Kokerei Hansa.

Kontakt zum OBSV über Theresia Marhoffer, (0 22 93) 93 97 31 oder Bodo Isenhardt, (0 22 62) 999 66 02. (sül)